Blutsbande

15. November 2009

Ich liebe meine Familie. Manchmal regen die mich sowas von auf, es ist unglaublich.

Ich bin manchmal ein richtiges Sensibelchen. Da reicht eine dumme Bemerkung, um mich zum heulen zu bringen. Und meine Eltern haben es teilweise echt drauf, diese genau auf den Kopf zu treffen.

Meine Mutter telefoniert jeden Tag mit ihrer Mutter. Ich telefoniere/skype zweimal in der Woche mit meinen Eltern, und rufe einmal meine Großeltern an. Das mache ich, seit ich nach Mainz gezogen bin. Ich brauche eben den Kontakt, nur manchmal, da würd ich am liebsten mal kräftig in den Hörer schreien.

Die Beziehung zwischen meiner Familie und mir ist… kompliziert. Ich glaube, besonders bei meinen Eltern liebe ich manchmal mehr, als ich geliebt werde. Ist hart, aber es sind so kleine Anzeichen. Wie die Tatsache, dass Gespräche mit meiner Mutter häufig von Pausen und Schweigen gekennzeichnet sind, und meist nach 35 Minuten den Höhepunkt hinter sich gelassen haben. Oder das ich eben mal völlig fertig einschlafe, und erst zwei Stunden später anrufe, und dann angemotzt werde, weil gerade die spanndende Sendung „Tierarzt Doktor Mertens“ läuft, und man die unbedingt schauen muss. Ich glaube, meine Mutter kennt weder mein Lieblingsessen, meine Lieblingsfarbe noch meine Lieblingsmusik. Bei letzterem würde sie sicher „Buschmusik“ sagen, oder „Hotten-Totten“. Uh-huh. Mangelndes Interesse nenne ich einfach mal die Tatsache, dass sie auch nicht danach fragt.

Wenn ich mit meinen Großeltern telefoniere, dann eigentlich immer eine Stunde. Und dann haben wir uns mehr zu sagen, als meine Mutter und ich. Da gibt es maximal Pausen, wenn gerade einer was trinken will oder etwas nachschauen muss. Und ich fühle mich manchmal, als könnte ich mit meinen Großeltern viel offener über manche Dinge sprechen. Meine Eltern stecken mich immer noch in die Kind-Kategorie, und vergessen oft, besonders meine Mutter, dass ich zwanzig werde, und man auch in diesem Ton mit mir sprechen kann, und das meine Meinung nicht das bloße Nachsprechen anderer ist, sondern ich mir wirklich Gedanken mache. Meine Großeltern schwanken in vielen Dingen zwischen ganz kleines Mädchen und erwachsene Frau. In letzter Zeit hat sich das sehr zugunsten von erwachsener Frau verschoben. Mir werden Dinge gesagt, die ich vielleicht nicht hören möchte, aber die meine Großmutter dringend loswerden muss, weil sie sonst niemandem zum Reden hat. Und es macht mich ein bischen stolz, dass ich diese Person bin, der sie sich dann anvertraut.

Bevor das hier wieder in Psychoanalyse ausartet, mach ich es einfach kurz, und sage, was mich in letzter Zeit so genervt hat:

*Ich [YOB 1989] muss mich vor meinem Bruder [YOB 1996] rechtfertigen, wo ich mit wem wann wohin gehe, wieso ich das tue, und wann ich gedenke, wieder nach Hause zu kommen.

*Man erwartet von mir, meine Großeltern zu besuchen, ist aber als KIND dieser nicht bereit, in drei freien Tagen mal 3 Stunden bei seinen eigenen Eltern zu verbringen

*Wie es mir geht, ist scheißegal. Hauptsache, es geht einem selbst gut.

*Wenn ich eben mal zwei Stunden später anrufe als geplant, wird nicht gefragt, was los war, sondern man sagt mir, dass gerade ‘ne Fernsehsendung läuft, und ich mich am nächsten Tag melden kann. Aber nur, wenn ich dann pünktlich bin.

*Wenn man genau weiß, wie traurig ich bin, meinen Großcousin dieses Jahr nicht mehr zu sehen, muss man mir alles, was er tolles gemacht hat, als ich nicht dabei war, haarklein unter die Nase reiben. Und nicht merken, wie ich dabei immer stiller werde.

*Was die Kinder von Bekannten machen, ist zwanzig mal spannender als das, was ich erlebe. ICH wollte gern ein Jahr in die USA oder England oder Irland oder Australien. MIR wurde gesagt, dass das viel zu teuer sei. Und jetzt ist es großartig, wenn das die Tochter von Bekannten macht, und ein Schwerverbrechen, wenn ich mich nicht für deren Blog interessiere, wenn ich seit zwei Jahren kein Wort mehr mit dem Mädchen gewechselt habe.

*Wenn ich seit einem Jahr rede, dass meine Eltern aus dem Internet fliegen, dann ist das falsch, stimmt nicht, Einbildung, liegt an meinem Internet. Wenn sie’s dann aber selbst sehen, werd ich gefragt, wieso ich das nicht eher gesagt habe.

Wenn man nach fast zwanzig Jahren immer noch nicht weiß, dass ich, wenn’s mir doof geht, oder ich was scheiße finde, immer stiller werde, dann sollte man sich mal fragen, wie gut man sein eigenes Kind eigentlich kennt. Grrrrrrrr…

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