Manchmal sind Seminare doch auch für etwas anderes gut als für den Erwerb von Fachwissen. In einem Seminar mussten wir jetzt ein Schaubild zu einem Text verfassen. Und ich hätte vorher nie gedacht, wie unterschiedlich doch Leute sind.
Da kamen vollkommen verschiedene Modelle dabei heraus. Nicht, weil der Text unterschiedlich verstanden wurde, das meine ich nicht. Aber als ich mir die angeschaut habe, habe ich plötzlich wieder gemerkt, wie individuell wir doch alle trotz genormtem Studiengang sind.
Da gab es klare, mit Computer geschriebene Übersichten mit Pfeilen, verschiedenen Formen und Farben. Was auch das war, was ich gemacht habe. Ich bin eben jemand, der klare Formen und Strukturen benötigt, um sich zu konzentrieren.
Aber dann war da auch noch etwas vollkommen anderes, eine Übersicht aufgebaut wie ein Smiley. Mit relativ einfacher Sprache, eben doch etwas sehr kindgerecht, aber keineswegs für Kinder. Und im ersten Augenblick habe ich mich gefragt, wie alt der/diejenige ist, der das verzapft hatte. Bis ich eine gewisse Logik darin sehen konnte. Und mir dann klar wurde, dass das sogar eine ziemlich gute Darstellung war. Die mich so auch ziemlich ansprach. Und sofort kam eine Diskussion im Seminar auf, von wegen “Thema verfehlt” und “Schaubilder zu wissenschaftlichen Texten müssen auch wissenschaftlich sein”, und ich dachte plötzlich an die zukünftigen Schüler dieses Studenten, und wie sehr die mir jetzt schon Leidtun. Ich gebe es zu, ich fand diese Übersicht [abgesehen von einem inhaltlichen Fehler] richtig klasse. Und ich widerspreche diesem Studenten auf’s Schärfste. Denn:
Wie will man als Lehrer Interesse wecken, wenn man alles nur strikt wissenschaftlich aufbaut? Oder andere Leute für sein Fach/Studium interessieren. Wenn ich von meinen Eltern ausgehe, interessiert die 99% von dem, was ich studiere, einen feuchten Dreck. Was ich verstehen kann. Mein Vater liebt Mathe und Zahlen, kann sich nicht mit Sprachen anfreunden, obwohl er sehr gern liest. Meine Mutter hat ein generelle Desinteresse für alles, was nichts mit ihrem Beruf zu tun hat, und staatlich geprüfte Betriebswirtin lässt mich eher die Flucht ergreifen, als es den Wunsch weckt, das auch zu wollen. Psychologie und Soziologie sind auch nicht unbedingt Felder ihrer beider Interessen. Ich fand den Text aber klasse, und wenn ich meinen Eltern davon erzählt hätte, und mit dem wissenschaftlichen Schaubild gekommen wäre, hätten sie nach drei Minuten zuhören abgeschaltet. Aber mit dem Smiley-Bild wäre das nicht so gewesen, davon bin ich überzeugt. Das hätte sie zumindest erstmal dazu gebracht, sich das durchzulesen.
Und dann war da noch das Schaubild, das mich an meine chaotischen Privatnotizen zu Texten und Vorträgen erinnerte. Was so ganz toll ist. Aber nach einem halben Jahr würde ich da vor lauter Pfeilen absolut nicht mehr durchsehen.
Wir haben also gelernt: Klare Formen und Strukturen helfen zumindest mir, mich eher zurechtzufinden [auch wenn mein Verstand zeitweise doch wie ein Flipperautomat arbeitet], und wissenschaftliche Texte brauchen nicht unbedingt hochwissenschaftliche Schaubilder, solange man selbst versteht, worum es geht, und vielleicht auch anderen hilft, es zu verstehen oder sich dafür zu interessieren, ist alles erlaubt.
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