Auf Lehrer meckern ist nicht schwer, Lehrer sein dagegen sehr. So oder ähnlich muss ich mittlerweile oft an meine Schulzeit zurückdenken. Und so geht es mir auch durch den Kopf, wenn mein Bruder mal wieder über seine Lehrer meckert. Oder meine Eltern sich aufregen.
Aber immerhin sprechen wir da vom Gymnasium. Von Kindern, die die Grundformen des sozialen Miteinander von Zuhause beigebracht bekommen. Bei denen viele Eltern sich noch dafür interessieren, was ihre Kinder in der Schule veranstalten. Die hinterher sind, was Hausaufgaben und Unterrichtsmaterialen betrifft.
Ich darf/kann/habe das Privileg/muss ja nun ein Praktikum an einer Realschule machen. Und obwohl ich vor den Lehrern dort den größten Respekt habe, weiß ich schon nach drei Tagen, dass ich nicht an einer Realschule unterrichten möchte. Und mich niemals an eine Hauptschule wagen würde, um dort zu arbeiten.
Das hat wenig mit Vorurteilen gegenüber den Schülern zu tun. Zumal ich viele davon in den letzten Tagen bestätigt gesehen habe. Aber das hat auch viel mit meiner eigenen Persönlichkeit zu tun. Konflikte können sich für mich zu wahren Alpträumen aufbauen. Und ich kenne mich genug, um zu wissen, dass ich an einer Realschule wahrscheinlich kaputt gehen würde. Im Unterricht eine Lautstärke wie bei meiner alten Schule in den kleinen Pausen. Permanentes Herumschreien und Anpöbeln. Ich wäre nach drei Wochen vollkommen fertig. Ich würde es irgendwann nicht mehr schaffen, immer gegen 20+ Schüler anzuschreien, die mehr oder weniger tun, was sie wollen. Ich würde aufgeben. Und genau das ist eines der Dinge, die ich an meinen Lehrern früher kritisiert habe. Und von der ich mir geschworen habe, dass ich nicht so werden würde.
Was haben mir drei Tage Realschule gezeigt? Im Vergleich zum Gymnasium ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Es gibt einige Schüler, die wirklich interessiert arbeiten, und sich bemühen. Selbst wenn sie nicht die “hellsten Leuchten” sind, mit ein wenig Mühe könnten sie viel weiter kommen. Aber der Großteil scheint eine absolute Null-Bock-Haltung zu haben.
Es fällt mir sehr schwer, die Kinder nicht immer mit mir oder meinem Bruder zu vergleichen. Der jetzt in der siebenten Klasse an einem Gymnasium ist, und obwohl er da “nur” zum Mittelfeld gehört, ist er den Schülern der achten Klasse Realschule weit vorraus. Selbst in seinen Hassfächern Englisch und Deutsch.
Es sind Kleinigkeiten. Die Unfähigkeit, beim Vorlesen eines Textes nach der Kritik, die falsche Zeitform [Präteritum vs. Präsens] benutzt zu haben, diese beim Vorlesen im Kopf schon zu korrigieren und gleich die richtige zu nennen. Die Hauptaussage eines Textes einer A5-Seite zu erfassen. Im Kopf ohne Taschenrechner die Siebenerreihe von 7 bis 21 zügig durchzugehen [und ja, zwischen 7 und 21 ist nur die 14…]. Ein normaler Umgang miteinander. Klare Grenzen, die immer wieder von allen überschritten werden. Statt Arschloch zu sagen, wird eben gleich zugeschlagen. Da fliegt die Federmappe des Lehrers aus dem Fenster, und keiner war’s. Da wird eben der Mitschüler mit der Thermosflasche geschlagen, oder auch mal als Neger beschimpft.
Es ist die Tatsache, dass am Anfang des Schuljahres schon Schüler drei mal die Hausaufgabe vergessen haben, und eine 6 fangen. Und mit welcher Gelassenheit sie das hinnehmen. Ich spreche hier auch nicht von Klasse neun und zehn, sondern von den “Kleinen”, von der fünften und sechsten Klasse. Da fragt die Lehrerin, wer die Hausaufgaben gemacht hat, und geht rum, um sie zu kontrollieren, und dann haben 18 von 29 man nichts gemacht. Und das in der sechsten Klasse.
Und es ist die Tatsache, dass selbst in der zehnten Klasse die Hausaufgaben zu erledigen keine Selbstverständlichkeit ist. Vielleicht sind es die drei Jahre Altersunterschied, die da zwischen uns sind. Und dass wir wirklich freiwillig in der 11/12 anwesend waren, und unser Abitur wollten. Aber ist diesen Schülern denn nicht klar, dass sie einen guten Realschulabschluss brauchen, um eine Chance in der Arbeitswelt zu haben? Und dass ihre Noten von ihnen abhängen und davon, wie viel sie bereit sind, in ihre Zukunft zu investieren?
Wenn ich manchmal sehe, wie diese Kinder miteinander umgehen, und wie kaum einer Elternbriefe unterschrieben wieder abgibt, frage ich mich auch, wo denn das Interesse der Eltern liegt. Natürlich sind meine mir in der neunten, zehnten Klasse auch nicht mehr hinterhergekrochen. Aber sie haben mehrfach gefragt, wie es in der Schule war, ob es etwas wichtiges gab. Und bis Ende der siebenten Klasse haben sie meine Hausaufgaben kontrolliert, und geschaut, dass ich sie wirklich alle gemacht hatte. Meine Eltern hätten mir den Arsch aufgerissen, wäre ich mit einer sechs wegen vergessenen Hausaufgaben/Arbeitsmaterialen nach Hause gekommen. Und auch nach der siebenten Klasse haben sie mir immer wieder zu verstehen gegeben, dass ich mit Fragen immer zu ihnen gehen kann, und sie haben, selbst wenn sie mir [vor allem dann in der Oberstufe] nicht helfen konnten, dennoch versucht, zumindest einen Ansatz mit mir zu finden.
Und ich habe mich heute im Deutschunterricht auch etwas gefragt. Da hat ein Schüler mit Migrationshintergrund seine Hausaufgabe vorgelesen. Und einmal abgesehen von der Satzstellung bei weil-Relativsätzen [es heißt nun mal im Deutschen “Ich habe Hunger, weil ich heute noch nichts gegessen habe” und nicht “weil ich habe heute noch nichts gegessen], die auch einige meiner ehemaligen Lehrer mündlich immer wieder verhauen haben, stand da auch “frägt” statt “fragt”. Und ich habe mich wirklich gefragt [und nicht gefrägt], ob diesen Schülern in der Grundschule niemand solche Sachen korrigiert hat? Ob die Lehrer dann da aufgegeben haben, angesichts der Fülle an Fehlern und Sprachproblemen, wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist? Oder ob sie einfach nur beratungsresistent sind.
Diese Lehrer, die nicht aufgeben, sondern mit Konsequenz durchgreifen, und immer versuchen, allen Schülern gerecht zu werden, und ihnen zu ermöglichen, voran zu kommen, und sich zu entwickeln, haben meinen absoluten Respekt. Aber bis jetzt hat dieses Praktikum mir bestätigt, was ich vorher schon wusste: Realschule ist nicht für mich und wird es wahrscheinlich auch nie sein.