A Thousand Splendid Suns
Ein Wort: Busfahren. Zwanzig Minuten eine Strecke. Macht jeden Tag mindestens 40 min Fahrt allein. Dazu kommt die Tatsache, dass der Bus nur ein einziges Mal in der Stunde fährt. Und dass ich einiges an Freistunden habe, in denen es sich für mich nicht lohnt, nach Hause zu fahren. Was mache ich also in der mir verbleibenden Zeit? Richtig, ich lese. Diesmal fiel die Wahl auf A Thousand Splendid Suns, dem zweiten Buch von Khaled Hosseini.
Schon wie Kite Runner spielt das Buch in Afghanistan. Anders als der Vorgänger verlässt es dieses Land nur sehr kurz gegen Ende.
Steht beim Drachenläufer die Beziehung, oder vielmehr der Mangel dieser bei Vater und Sohn im Vordergrund, sind es bei A Thousand Splendid Suns die Leben zweier Frauen, die plötzlich miteinander verbunden werden. Den Großteil des Buches spielt die Handlung in Kabul.
Mariam, die ursprünglich aus Herat stammt, wird mit dem wesentlich älteren Rasheed verheiratet. Ursprünglich von seinem Charme geblendet, muss sie schnell erkennen, welches Monster ihr Ehemann ist. Er prügelt Mariam, die als gute muslimische Frau ihr Schicksal schweigend hinnimmt. Bis eines Tages eine Rakete aus dem andauernden Krieg der verschiedenen Mudschahidgruppen das Haus der Nachbarn trifft. Nur die Tochter, die gerade draußen im Garten war, überlebt, ihre Eltern, die im Haus waren, sind auf der Stelle tot. Laila erholt sich bei Rasheed und Mariam langsam von ihren Verletzungen, und wird Rasheeds zweite Frau, mehr aus Zwang als aus freiem Willen. Denn Laila hat sich ihrem Jugendfreund Tariq hingegeben, und ist von ihm schwanger. Kurz nach Azizas Geburt kann auch Laila die Augen vor der Wahrheit nicht mehr verschließen. Der ursprüngliche Hass Mariams auf die weitaus jüngere und sowohl hübschere als auch gebildetere Laila wandeln sich über die Jahre in tiefe Zuneigung. Die beiden stehen sich gegenseitig bei, wenn ihr Ehemann wieder einmal die Kontrolle verliert.
Doch das Leben in Kabul ist hart, ein Krieg löst den anderen ab. Und teilweise stellt sich die Frage, welcher schlimmer ist, der auf der Straße, oder der in den Häusern, in denen Frauen durch das Talibanregime immer mehr unterdrückt und zu Schatten der Gesellschaft werden.
Als Rasheeds größte Lüge auffliegt, entbrennt ein erneuter Kampf im Haus. Doch diesmal fasst Mariam einen Entschluss, der das Leid und die Qualen von ihr, Laila und deren beiden Kindern beenden wird.
A Thousand Splendid Suns ist genauso packend wie The Kite Runner. Doch da ist etwas in Hosseinis Stil, das mich ein wenig stört. Bei Kite Runner fiel es mir nicht so auf, und ich konnte es noch nicht ganz greifen. Aber in diesem Buch wird es deutlicher. Es fehlt an einer gewissen Dynamik des Buches. Es scheint teilweise still zu stehen, die Charaktere entwickeln sich nicht weiter, sondern treten Wasser. Es ist nicht genug, um aus einem der Bücher ein schlechtes Buch zu machen, im Gegenteil, ich finde alle beide klasse. Aber es ist wie der kleine Tintenfleck auf einer Seite eines ansonsten makellos handschriftlich verfassten Schüleraufsatzes. Der kleine, subtile Hinweis, dass man nicht perfekt sein muss, um eine wundervolle und rührende Geschichte zu schreiben. Und vielleicht ist es genau das, was der Büchermarkt so gebraucht hat. Jemand, der mit Herz schreibt und sich nicht davor scheut, Fehler zu machen. Nur eine Seite aus A Thousand Splendid Suns oder Kite Runner ist tausendmal besser als die seelenlosen Beispieler neuer Literatur, in der es manchmal wichtiger scheint, eine „perfekte“ Story zu erzählen, anstatt Charaktere mit Tiefgang und Ecken und Kanten zu schaffen, mit denen der Leser hofft, lacht und am Ende sogar weint, weil sie, obwohl sie uns in unserem Leben und Verhalten doch so ähnlich sind, ihr Glück finden. Und uns die Hoffnung schenken, dass uns dies auch vergönnt sein wird.
Wirklich gepackt haben mich die letzten Worte Lailas Vaters. Ein Mann, der gesehen hat, wie das Land, in dem er lebt, von Krieg und Zerstörung heimgesucht wird, wie Menschen um ihn herum sterben, die die Stadt, in der er lebt, zu Todesfalle für viele wird. Und dennoch hat er diese Stadt geliebt, sie hatte ihn in seinen Bann gezogen. Wie so viele, die jemals in Kabul waren.
One could not count the moons that shimmer on her roofs
And the thousand splendid suns that hide behind her walls